Aktuelles:
Welcome im Reich der Mitte
Erfahrungsbericht: Zwei Physikstudierende verbrachten eine Zeit in China
Dieser Bericht erschien zuvor in der unizeit.
Ich weiß nicht genau, wann mir klar wurde, was es bedeutet, nach China zu
reisen. Zusammen mit meinem Kommilitonen Kay-Michael Voit würde ich mich
zum Aufbau einer Forschungskooperation zwischen den beiden
Physikfachbereichen der Universität Osnabrück und dem TEDA College der
Nankai Universität aus Tianjin in das Land der Mitte begeben.
Sobald man sich auf so eine Reise vorbereitet, merkt man, wie viel »China«
sich um uns herum bereits befindet. Chinesische Restaurants stehen
scheinbar an jeder Ecke, in denen ich versuchte, meinen Magen und meine
Fähigkeiten im Essen mit Stäbchen an chinesische Sitten anzupassen. Ich
sah viele Dokumentationsreihen über das Land und Leute, las Bücher über
Tradition und Geschichte, die uns viel über Chinas Kultur verraten, mich
aber nicht richtig auf das vorbereiteten, was mich erwartete. Das mag
daran liegen, dass trotz der zahlreichen Informationen viel unserer
Fantasie überlassen bleibt, die sich ein so andersartiges Leben nicht
vorstellen kann. Zudem sagte einmal ein Chinese zu mir, dass viele
Menschen aus Europa oder Amerika sich China wie eine weitere Kultur, so
wie Spanien oder Italien denken und alle Besonderheiten in Tradition und
Sitte dem einen China zuordnen. Das Land aber ist so groß und so
vielfältig, dass viele Bräuche, von denen ich gelesen hatte, nur den
wenigsten Chinesen selbst geläufig sind. Uns zwei Physikstudenten
verschlug es an eine der ältesten Universitäten Chinas in der Hafenstadt
Tianjin. Diese befindet sich an der Ostküste des Landes nicht weit von
Peking entfernt. Unter der Betreuung von Prof. Mirco Imlau besuchten wir
die Applied Physics School, welche aus der Nankai Universität
ausgegliedert ist und sich in dem 40 Kilometer entfernten
Technologie-Standort Tianjin TEDA (TEchnological Development Area)
befindet. Hierbei handelt es sich um ein aufblühendes Wirtschaftsareal,
welches sich neben einer wachsenden internationalen Industrie für die
Physik durch ein hohes Expansionspotential sowie durch gute
Arbeitsbedingungen in modernen Laboratorien auszeichnet. Eingeladen wurden
wir von dem Dekan des Fachbereichs, Prof. Dr. Romano Rupp, welcher zur
Zeit einen Lehrstuhl in Wien inne hat. Zudem aber verbringt er einen Teil
seiner Zeit in China und konnte uns so einige europäische Tipps und Tricks
zum Umgang mit der chinesischen Kultur nahe bringen. Prof. Rupp begrüßte
uns Osnabrücker dabei beinahe als alte Bekannte, denn er verbrachte unter
der Betreuung von Prof. Dr. Eckhard Krätzig sowohl seine Promotion als
auch seine Habilitation an der Universität Osnabrück – eine Zeit, an die
er sich gerne erinnere, so der ehemalige Niedersachse. Mit der
Unterstützung von Prof. Xinzheng Zhang wurden wir während unseres
Aufenthalts in die Arbeitsgruppe »Ultrafast Photonics« eingegliedert, in
der wir das wissenschaftliche Arbeiten durch neue Herangehensweisen in
einem spannenden Bereich der Physik kennen lernten sowie einen
interessanten Ein- blick in das Leben der Studenten erhielten.
Zwei
Monate verbrachten wir so im Reich der Mitte. Während dieser Zeit boten
sich uns genug Gelegenheiten, sich neben dem wissenschaftlichen Austausch
auch auf eine eigene kulturelle Erlebnisreise zu Land und Leuten zu
begeben. Ausflüge zur chinesischen Mauer, zur Terrakotta Armee in Xian und
das Spektakel des chinesischen Neujahrs in Peking hinterließen bei uns
bleibende Eindrücke, blieben jedoch meist hinter den Erfahrungen im
persönlichen Dialog zurück – Erfahrungen, die man nur erleben und nicht
beschreiben kann. Aufgeschlossene und an neuen Kulturen interessierte
Studenten eröffneten uns dort die Möglichkeit zu einem ganz persönlichen
Austausch über Sitten und Gebräuche, wobei es während der Diskussionen
Staunen auf beiden Seiten gab. China ist ein Erlebnis, dass ich nie
vergessen werde. Es lässt mich meinen universitären Alltag auf eine ganz
andere Weise wahrnehmen. Vielleicht mit einer Art neuen Selbstbewusstsein
und Individualität, die man erst als Fremder unter Fremden wahrnimmt.
Informationsbesuch in Peking
Wir hatten ja hier unter "Aktuelles" bereits über unseren Kommilitonen Marco
berichtet, der sich im letzten Jahr entschloss, sein Physikstudium für zwei Semester
in China fortzusetzen. Nach Studium an der Partnerhochschule in Anhui ist er nunmehr
zu einem Praktikum bei der Firma MAN in Peking aufgebrochen. Damit sind
mittlerweile, - Herr Hertel hat in diesem Forum ja ebenfalls darüber berichtet -,
eine ganze Reihe unserer Studierenden, Absolventen und Dozenten kurzfristig oder
auch für eine längere Dauer in China tätig. Dies gilt auch für unseren ehemaligen
Doktoranden Dr. Hongting Shi, der nach einer einjährigen Postdoktorandenphase an der
Universität Uppsala nunmehr eine Stelle als Physikdozent an der Technischen
Universität in Peking angetreten hat. Wir können somit unsere Studierenden nur immer
wieder ermutigen, ihre Auslandserfahrungen vor Ort zu erweitern. Marcos Kommilitonen
Annika, Michaela und Kay-Michael haben kürzlich seine Anwesenheit in Peking benutzt,
um sich dort einmal umzuschauen und das Spring Festival zu besuchen. Die beiden uns übermittelten
Photos zeigen die Vier bei typischen Peking-Aktivitäten, wobei die "Grosse Mauer" strenggenommen
natürlich nicht mehr zur Stadt Peking gehört, aber im Rahmen eines Tagesausflugs bequem von
dort aus mit dem Taxi o.ä. erreichbar ist.
Im Anschluss an ihren Peking-Besuch sind Annika und Kay-Michael nach Tianjin TEDA zurückgekehrt,
wo sie im Auftrag von Herrn Prof. Imlau an der Applied Physics School im Rahmen eines
Forschungsaufenthaltes tätig sind. Ende März werden die zwei zurück
nach Osnabrück kommen.
Als Gastprofessor in China
Peter Hertel, Professor für Theoretische Physik, den die Universität Osnabrück vor drei Jahren in den Ruhestand geschickt hat, kann es nicht lassen. Er hat ein
Angebot der Nankai Universität in Tianjin angenommen und dort den größeren Teil des Sommersemesters 2009 als Gastprofessor verbracht. Lesen Sie hier seinen
Bericht:
Tianjin, mit weit mehr als zehn Millionen Einwohnern, ist heute praktisch ein Vorort von Beijing, denn mit der Schnellbahn, die ohne Halt mit bis zu 360 km/h
fährt, dauert das kaum mehr als vierzig Minuten. Die Applied Physics School of TEDA (APS TEDA) ist eine Außenstelle der Nankai Universität, die sich mit Stolz
auf ihren prominentesten Absolventen beruft, auf Tschou Enlai.
Die Tianjin Economic Development Area, TEDA, ist als neuer hot spot für die wirtschaftliche Entwicklung der Volksrepublik China geplant, und das merkt man
auch. Erstens an den relativ vielen Ausländern, die für Bosch, Hewlett-Packard und so weiter dort arbeiten und leben. Zweitens, an den Kränen, die sich auch
nachts drehen, das Baugelände beleuchten, und einen Wolkenkratzer nach dem anderen in das ehemals unfruchtbare Schwemmland setzten. Und drittens an dem
Wohlstand, den die einheimischen Bürger genießen und der viele, viele Wanderarbeiter anlockt, die in Barackensiedlungen im Neubaugebiet hausen. Ich rede hier
gar nicht weiter über die vielen Banken in TEDA, bei denen man ein Konto in Yuan, Dollar, Yen oder Euro ohne Probleme einrichten kann.
Die Nankai-Universität - wie andere gute Universitäten auch - will ihre Absolventen auch für das Ausland vorbereiten. Deswegen, so glaube ich, hat man mich
engagiert.
Ich habe zweimal wöchentlich zweistündig über Dielectric Waveguides referiert. Keine Studentin und kein Student hat mich dabei unterbrochen. Aber nach der
Vorlesung kamen sie doch, um den einen oder anderen Punkt anzusprechen. Nach dem üblichen Schema. "I want to thank you for your enlightening explanation. And
I am sure that it is my fault that I did not understand the reasoning why you wrote q=imag(k) instead of ..." Das ist Chinesisch für "it should read
q=real(k)". Übrigens: APS TEDA hat es nur mit Bachelor-Absolventen zu tun. Und die kommen aus dem ganzen Land, von Urumqi bis Hainan.
TEDA APS hat einen domestic dean und einen Dekan, der für die Vernetzung mit dem Rest der Welt verantwortlich ist. In einer weltweiten Ausschreibung hat sich
Romano Rupp durchgesetzt, ein ehemaliger Mitarbeiter des Fachbereiches Physik. Wir beide haben ein tägliches Seminar veranstaltet, in dem die Mitarbeiter
der verschiedenen Forschungsgruppen über den Stand ihrer Untersuchungen vortragen sollten, oder mussten. Wir alle haben dabei viel gelernt.
Übrigens, im nächsten Frühjahr werde ich wieder nach China fliegen, um über Linear Response Theory vorzutragen. Wir, Romano und ich, erwarten dann einen
früheren Mitarbeiter, Andreas Erdmann, der auf einer gigantischen Konferenz in Shanghai einen eingeladenen Vortrag halten wird und danach die APS besucht.
Zudem werde ich eine Studentin und einen Studenten aus der Arbeitsgruppe von Mirco Imlau vorfinden, die für drei Monate an der APS in TEDA sein werden. Auf
das gemeinsame Essen - ich weiß schon wo - freue ich mich bereits jetzt. Auch auf das Wiedersehen mit mehreren Kollegen und mit einer ganzen Reihe von
Studentinnen und Studenten, mit denen ich mich angefreundet habe.
Homero: Zurück aus Alt-Kastilien
Im Rahmen eines gemeinsamen Forschungsprojektes über "Nanostrukturierte Materialien für optische Anwendungen" mit der Universität Valladolid/Spanien hielt
sich Homero Cantera (AG Borstel) mehrere Wochen am Physik-Department der Facultad de Ciencias in Valladolid auf. Der Besuch ist Teil eines seit längerem laufenden
Austauschprogramms für Doktoranden, das im Rahmen des Promotionsprogramms und Graduiertenkollegs des Fachbereichs Physik finanziell gefördert wird. Das
anliegende Photo zeigt Homero (in der geöffneten Tür stehend) kurz vor seiner Rückreise, - bevor die Hitzegrade in Kastilien sich in Richtung oberhalb 30
Grad bewegen.
Marco: Erstes nicht-digitales Lebenszeichen aus Anhui/China
Marco Cichon ist ein entschlussfreudiger Mensch. Kaum war das Kooperationsabkommen zwischen den Universitäten Osnabrück und Anhui im letzten Jahr
abgeschlossen, belegte er in Osnabrück einen Sprachkurs "Chinesisch für Anfänger" und machte sich dann auf den Weg, um sein Physikstudium für etwa ein
Jahr in China fortzusetzen. Aus bekannten Gründen ist es nicht einfach, mit einer Person in China regelmässigen und verlässlichen Kontakt zu halten:
Emails verschwinden schon mal spurlos und auch Luftpostbriefe können sich buchstäblich "in Luft auflösen", - womit China dem Begriff "Luftpost" eine ganz
neue Bedeutung gegeben hätte. Über unsere wackeren Fachschaftsmitglieder und deren Kenntnisse in "Skype" waren wir Zurückgebliebene aber doch stets
über Marcos Situation im Bilde. Nun freuen wir uns, dass das erste konventionelle Lebenszeichen in Form einer Postkarte den Fachbereich erreicht hat.
Die Karte
zeigt eine Impression aus Hangzhou, bekannt u.a. wegen seines erstklassigen Grünen Tees ("Drachenbrunnentee") am Westlake. Der Kartenrückseite können wir
entnehmen, dass Marcos Kenntnisse des Chinesischen weiter Fortschritte gemacht haben: Befragung unsrer eigenen chinesischen Kommilitonen ergab, dass die chinesischen
Schriftzeichen tatsächlich den darunter geschriebenen deutschen Text bedeuten.
Weitere aktuelle Informationen zum Thema "Internationales" entnehmen Sie bitte der Seite
"Aktuelles" des Akademischen Auslandsamtes.